Ein himmelweiter Unterschied

Donnerstag, 20. Juli 2017, 20.23 Uhr

In der MZ am 20.7.17 online und am 21.7. in der Printausgabe

Ein himmelweiter Unterschied

Hier der Text:

Die Regensburger Domspatzen haben schon längst transparentere Strukturen geschaffen und arbeiten weiter an Verbesserungen. Foto: dpa

Regensburg.Berthold Wahl ist die Schwermut ins Gesicht geschrieben. Er hat einen dicken Packen vor sich. Es ist der rund 430 Seiten starke Abschlussbericht zum Missbrauchs- und Misshandlungsskandal bei den Regensburger Domspatzen. Er hat ihn gelesen, was aber nicht heißt, dass er damit schon fertig wäre. Ganz im Gegenteil. Für ihn ist es eine „brutale Diagnose“, die zu einer Erschütterung führte, die er austragen muss.

Wahl ist seit 2001 Direktor des Domspatzen-Gymnasiums. Er sitzt zusammen mit Opfervertretern im Beratungsgremium, hat dort Schilderungen davon gehört, was sie zwischen 1945 und 1992 insbesondere in der Vorschule in Etterzhausen und später in Pielenhofen erleiden mussten. Von 1962 bis 1971 war Wahl aber auch selbst Schüler des Musikgymnasiums – eigentlich die Zeit in der Sonderermittler Ulrich Weber besonders viele Fälle gezählt hat.

„Wenn ich mir das jetzt vergegenwärtige, dann wird mir klar, wie dünn das Eis war, auf dem ich mich bewegt habe und wie andere neben mir eingebrochen sind“, sagt Wahl. Was ihn umtreibt ist die Frage, warum er davon nichts mitbekommen hat. Wahl war selbst nicht in Etterzhausen. Das ist ein wichtiger Teil für die Erklärung dieses Phänomens. Der Abschlussbericht macht deutlich, dass dort ein System aufgebaut wurde, damit möglichst wenig nach außen dringt. Und er dokumentiert, dass Wahl nicht allein war. Nicht jeder Domspatz war betroffen. Eine Opferaussage gibt das gut wider: „Einer der Punkte, die es so unglaublich schwierig machen, die Übergriffe bei den Domspatzen richtig zu beurteilen und darüber zu reden, ist unsere Vorstellungskraft oder der Mangel daran. Viele Sachen, die dort geschehen sind, waren schrecklich und haben die Seelen von Kindern zerstört. Aber es gibt Domspatzen, die hatten eine großartige Zeit dort erlebt und sind der dunklen Seite des Internats und der Vorschulen niemals begegnet.“

Moderne Lehrmethoden

Wahl räumt ein, dass bekannt war, dass in Etterzhausen geschlagen wurde, es wurde jedoch nicht darüber geredet. „Die Dramatik, diese Systematik wird mir jetzt erst klar.“ Nun falle ihm das alles wie Schuppen von den Augen. Gerade auch als einer, der – wie viele andere seiner Generation - Lehrer geworden sei, weil er das System ändern wollte, treibe ihn das um. Wahl erlebte eine Lehrergeneration, die pädagogisch schlecht ausgebildet war. „Dass Schüler vorgeführt und geschlagen wurden, wenn sie etwas falsch gemacht hatten – das war im Prinzip der Normalzustand, den ich schon in meiner Grundschulzeit erlebte“, schildert der heutige Schuldirektor. Die das alles übersteigende Maß an Radikalität „draußen“ in Etterzhausen hat er nicht mitbekommen. „Aber allein, was ich erlebt habe, hat schon gereicht, dass ich es anders machen wollte.“ Auch als Schulleiter achte er penibel darauf, dass nicht das Recht des Stärkeren sich durchsetzt, was gerade bei einer Jungenschule auch innerhalb einer Klasse ein Thema sein kann.

Die Pädagogik bei den Domspatzen hat sich schon seit Jahrzehnten geändert. In den vergangenen Jahren war es jedoch oft schwierig, das zu sagen, ohne zugleich Gefahr zu laufen, dass es als eine Rechtfertigung für Übergriffe in der Vergangenheit missverstanden worden wäre. Der Abschlussbericht kann das ändern. Denn darin steht ganz unmissverständlich, dass zwischen der Vergangenheit und dem Heute ein himmelweiter Unterschied besteht.

Vor dem Chor steht mit Domkapellmeister Roland Büchner seit 1994 ein Mann, dem es vor allem darum geht, seine Sänger zu motivieren. Die chorische Leistung muss stimmen, aber „nicht um jeden Preis“, sagt Büchner. Der Domkapellmeister nimmt den einzelnen Sänger in den Blick – nicht nur in der Einzelstimmbildung, aber da auch. Und er muss das Kollektiv im Blick haben. Büchner fordert nicht nur seine Sänger, sondern auch sich selbst. Er müsse einschätzen können, was er einem Kind zutrauen kann und wann es zu viel werde. „Wenn ich weiß, was geht, dann muss ich es auch nicht so oft proben“, sagt Büchner. Sämtliche Übergriffe, um die es im Abschlussbericht geht, liegen vor Büchners Zeit. Sie machen dem hageren Mann aber sichtbar zu schaffen. Im Gespräch vergräbt er mehrmals das Gesicht in seinen Händen. Ihm gehe es mit den Vorfällen, die er scharf verurteile, „nicht besonders gut“, sagt er.

Bemerkbar machte sich der Missbrauchsskandal in den vergangenen Jahren zwischenzeitlich bei den Anmeldezahlen. Er war wohl nicht allein für den deutlichen Rückgang verantwortlich, aber die Auswirkungen waren nicht von der Hand zu weisen und brachten die seit Jahrhunderten bestehende Institution unter Druck. Immer wieder kamen bei den Domspatzen auch Debatten auf, ob es nicht besser und zeitgemäßer wäre, Schule und Internat auch für Mädchen zu öffnen. In der Klosterschule in Ettal, die ebenfalls von einem Missbrauchsskandal erschüttert wurde, war das der Fall und sicherte den Fortbestand. Ein Modell für die Domspatzen wird das aber nicht sein. Internatsleiter Rainer Schinko verweist darauf, dass die getrennte Erziehung von Buben und Mädchen auch Vorteile haben kann. Und: „Es gibt auch Eltern, die ihre Jungen zu uns schicken, weil sie sich eine geschlechterspezifische Erziehung wünschen.“ Die Elternbeiratsvorsitzende Petra Pfaffenheuser bestätigt das. Am Gymnasium sei die Elternschaft in dieser Frage geteilt.

Über die Eltern hinweg wird heute bei den Domspatzen nichts mehr entschieden. „Es wird gleichberechtigt diskutiert“, sagt Pfaffenheuser. Eltern wüssten immer, was los sei. Ein Grund: Die Präfekten und auch die Schule informieren per Mail über Neuigkeiten und Eltern können umgekehrt jederzeit mit allen Kontakt aufnehmen. „Man kriegt alles mit.“

Gemeinsam und transparent

Im Stiftungsvorstand treffen sich Domkapellmeister, Schuldirektor und Internatsleiter regelmäßig. Das bedeutet wöchentlich und jedes Mal mindestens zwei Stunden. Jeder ist für seinen Bereich zuständig und dem anderen gegenüber nicht weisungsberechtigt, aber jeder weiß, was beim anderen vorgeht und es wird gemeinsam entschieden. Ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein ist da.

Der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs folgert aus den Erkenntnissen des Abschlussberichts, dass es um „mehr Aufsicht, mehr Kontrolle, mehr Transparenz“ geht. „Wo es sein muss, werden wir das noch verbessern“, sagt Fuchs.

Es wäre jedoch falsch, so zu tun, als habe sich in Sachen Transparenz in den vergangenen 20 Jahren nicht schon sehr viel bei den Domspatzen getan. Internatsdirektor Schinko verweist auf das Domspatzen-Forum. Es dient der Schulentwicklung. Eltern, Schüler, Lehrer, Mitarbeiter, Präfekten und viele mehr sind beteiligt und bringen sich ein. Praktikanten aus allen pädagogischen Schulen und Schularten in Regensburg kommen ins Haus. „Die schauen mit drauf“, betont Schinko. Die Domspatzen habe auch bei der Studie „Sprich mit“ mitgemacht. Das war eine bundesweit angelegte Studie zum Missbrauch von Kindern.

Die dunkle Vergangenheit bleibt. Aber dass heute bei den Domspatzen hervorragende Arbeit geleistet wird, haben nicht zuletzt auch Opfervertreter immer wieder hervorgehoben.

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