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Der liebe Gott hätte mir keine schönere Aufgabe geben können

Georg Ratzinger zum 85. Geburtstag - ein Bericht von Paul Winterer

Regensburg/Rom (dpa) -
Er war schon ein alter Mann, als sich sein Leben von einem auf den andern Tag grundlegend ändern sollte. Georg Ratzingersaß am frühen Abend des 19. April 2005 vor dem Fernseher,als es über den Petersplatz in Rom «Habemus papam» schallte und derKardinal-Protodiakon den Namen des neuen Papstes verkündete: Joseph Ratzinger. Der damals 81-Jährige sackte kreidebleich in seinem Stuhl zusammen. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass es nun kaum noch ein Privatleben mit seinem Bruder - Papst Benedikt XVI. - geben würde. Am 15. Januar feiert der langjährige Leiter der weltberühmten Regensburger Domspatzen seinen 85. Geburtstag. Als Georg Ratzinger sich schon einen Tag nach jenem denkwürdigen Frühlingsabend wieder gefasst hatte, sagte er über die Berufung seines jüngeren Bruders an die Spitze der katholischen Kirche: «Ich hatte gehofft, dass der Kelch an ihm vorübergeht.» Und fügte fast vergnügt hinzu: «Auch wenn mein Bruder nun Papst ist, er bleibt für mich der Joseph.» Auch sein Wunsch nach einer direkten Telefonverbindung zur Wohnung des Papstes wurde erfüllt. Über eine Geheimnummer können die beiden Ratzingers jederzeit miteinander«ratschen». Sie reden dann über Belangloses wie das Wetter daheim oder gemeinsame Bekannte, wie Ratzinger verrät.Dass der Ex-Domkapellmeister trotz der Prominenz seines Bruders ganz er selbst geblieben ist, beweist ein verbürgter Wortwechsel auf dem Regensburger Domplatz: «Sind Sie der Bruder vom Ratzinger?», fragte eine junge Frau den alten Herrn kurz nach der Papstwahl im Vorübergehen. Die Antwort des Prälaten: «Ich bin der Ratzinger.» Die Brüder Georg und Joseph verbindet seit jeher ein inniges Verhältnis. Sie ähneln sich nicht nur durch das schlohweiße Haar und den leicht gebückten Gang: Beide sind Priester, hochmusikalisch und kunstsinnig. Während Joseph Ratzinger nach dem Theologiestudium rasch als Kirchengelehrter von sich reden machte, studierte Georg Ratzinger zusätzlich Musik und wurde nach einer Station in Traunstein 1964 Domkapellmeister in Regensburg. In dieser Funktion leitete er 30 Jahre lang den ältesten Knabenchor der Welt. Ratzinger führte die Domspatzen zu Konzertreisen in alle Welt. In seine Ära fielen auch die Feiern zum tausendjährigen Bestehen des Chores im Jahr 1976. «Der liebe Gott hätte mir keine schönere Aufgabe geben können», blickt der Honorarprofessor dankbar zurück auf seine Doppelberufung als Priester und Kirchenmusiker. Geboren am 15. Januar 1924 in Pleiskirchen nahe dem Wallfahrtsort Altötting, erlebte der junge Georg Wanderjahre durch mehrere kleine oberbayerische Orte - der Vater wurde als Gendarm häufig versetzt. Im Erzbischöflichen Knabenseminar von Traunstein wurde er schon als Jugendlicher auf das Priestertum vorbereitet. Nach dem Kriegsdienst in der Wehrmacht der Nazis studierte er von 1946 an Theologie in Freising, wo er 1951 mit «dem Joseph» zum Priester geweiht wurde. Neben der Pflege der alten Musik begeisterte sich Ratzinger vor allem für die romantische Chorliteratur. Konzertbesucher schwärmen noch heute von dem «Gänsehautgefühl», das sich bei seiner Interpretation etwa des «Ave Maria» von Anton Bruckner einstellte. Dass die Motetten und lateinischen Messen des lange vergessenen Liechtensteiner und späteren Münchner Komponisten Joseph Gabriel Rheinberger (1839-1901) heute wieder oft zu hören sind, gilt als Verdienst Ratzingers, der sich dessen Schaffen besonders annahm. Nach seinem Ruhestand trat Ratzinger 1994 in das Regensburger Kollegiatstift St. Johann ein. Bis sein Bruder Papst wurde, lebte er zurückgezogen in seinem Haus unweit des Domes, seitdem ist er jedoch wieder ein vielgefragter Mann. Obwohl die Sehkraft der Augen stark nachgelassen hat, nimmt er nun offizielle Termine wahr, wie etwa vergangenen Herbst bei der Vorstellung des ersten Bandes einer Edition sämtlicher Schriften seines Bruders. Lieber ist es ihm freilich, wenn ehemalige Domspatzen ihn daheim besuchen und ihm dabei vorlesen oder bei der Korrespondenz helfen. Früher kam sein Bruder als Kurienkardinal mehrmals jährlich aus Rom nach Regensburg, jetzt fährt Georg Ratzinger regelmäßig in die Ewige Stadt. Bei seinen Aufenthalten im Vatikan wohnt er dann direkt über den Privaträumen des Papstes. So wird es auch zum 85. Geburtstag sein. Das schönste Geburtstagsgeschenk bringen die Domspatzen aus Regensburg mit. In der Sixtinischen Kapelle findet ein Konzert zu Ehren von Georg Ratzinger statt, bei dem die «Spatzen» Wolfgang Amadeus Mozarts Messe in c-Moll für Soli, Chor und Orchester aufführen. Prominentester Zuhörer: «der Joseph» alias Benedikt XVI.


 

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