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Wahrhaft erfühlte Musik und dazu viel Sinn für Dramatik

Thomas Vitzthum, Mittelbayerische Zeitung, 10. April 2006

Domspatzen und Concerto Köln beeindrucken mit "Matthäus-Passion"
Die Zeit ist gekommen für die Evangelien nach Johann Sebastian Bach. Nicht nur Musiker sprechen von Bach gerne als dem fünften Evangelisten. Zweifellos erreichen seine als Johannes- und Matthäus-Passion vertonten Botschaften auch Menschen, die sich vom Leiden und Sterben Jesu nach Markus, Lukas, Matthäus und Johannes allein nicht mehr bewegen lassen. Bild- und wortgewaltig ist seine Musik, doch im Gegensatz zum Gewaltexzess der verfilmten Passion Christi wirft sie nicht nur nieder, sondern richtet auch auf. Aus Bachs Musik spricht die Glaubenssicherheit, die alle realistischen, die filmischen, wie die geschriebenen Darstellungen nicht so überzeugend transportieren können. Doch Bach braucht Vermittler. Die Regensburger Domspatzen unter Roland Büchner, das Orchester Concerto Köln und sechs bemerkenswerte Solisten fügten sich im Audimax unprätentiös und aufrichtig in ihre Rolle als Verkünder seiner Matthäus-Passion, BWV 244.Mit dem Ensemble Concerto Köln wurde einer der besten Klangkörper der Originalklangzunft verpflichtet. Auf historischen Instrumenten entfaltete Concerto Köln einen samtweich schwebenden, im Bedarfsfall aber auch zupackenden Klang. Zu den Knaben- und Männerstimmen der Domspatzen traten die Musiker als echte Partner, das Verhältnis zwischen Stimmen und Instrumenten war vollkommen austariert. Ihren Ausnahmerang belegten die Kölner auch als Solisten, egal ob auf Violine, Traversflöte, Oboe, Gambe oder Cello.
Momente intimsten Musizierens ergaben sich im Dialog mit der blinden Sopranistin Gerlinde Sämann. Für die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben" trat auch Roland Büchner vom Dirigentensockel und wählte den Platz des Zuhörers, um einer wahrhaft erfühlten, ganz leisen Musik zu lauschen. Donnernd und erschreckend ließ er jedoch gleich darauf den Chor des Volkes in diese Stille brechen – „Lass ihn kreuzigen". Die Domspatzen sangen die so genannten Turbachöre straff deklamierend mit starken dynamischen Spannungen. Roland Büchner wählte hier, wie auch in den Chorälen, stets flotte Tempi, die das Passionsgeschehen verdichten halfen und die Buben zu höchster Aufmerksamkeit forderten.
Sinn für Dramatik bewiesen auch die beiden Tenöre, Maximilian Schmitt, der seine Arien mit strahlend kerniger Stimme sang und der kurzfristig eingesprungene Matthew Beale als Evangelist. Der Engländer hatte mit seinem sehr schlank geführten Tenor fast keine Mühen mit der hoch liegenden Partie. So konnte sich Beale auf bildhafte Wortinterpretation konzentrieren, die Konsonanten in „geißeln", „zerrissen", „kreuzigen" ließ er geradezu explodieren.
Mehr Einlassung auf die Worte hätte man sich von Jan Kullmann gewünscht. Der Altus klang für seine Stimmlage überraschend durchdringend und tragend, jedoch intonierte er am Beginn und Ende der Phrasen gelegentlich unsauber. Selten fühlte man bei ihm jene Gemütsbewegung, die sowohl Gerlinde Sämann als auch Manfred Bittner als Jesus so eindringlich wirken ließen. Der Bass Christian M. Schmidt beeindruckte als Judas oder Petrus in den Rezitativen, eine Uneinigkeit mit dem Orchester im letzten Rezitativ kann man leicht verzeihen. Als Ariensänger wirkte Schmidt allerdings etwas blass.
Das Publikum, darunter nicht wenig katholische Geistlichkeit, zollte der ergreifenden Interpretation des bedeutendsten protestantischen Kirchenwerks durch die Domspatzen vollkommen zu Recht lang anhaltenden, euphorischen Applaus.


 

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