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Ein göttliches Ständchen

Die Regensburger Domspatzen singen in der Sixtinischen Kapelle in Rom zum 85. Geburtstag von Papstbruder Georg Ratzinger - Stefan Ulrich, Süddeutschte Zeitung, 19.1.2009

Rom - An einem Sommertag des Jahres 1941 radeln zwei junge Burschen von Traunstein nach Salzburg. Der 17 Jahre alte Georg und der drei Jahre jüngere Joseph lieben klassische Musik. Da es mitten im Krieg ist, haben die Ratzinger-Brüder für wenig Geld Festspiel-Karten bekommen. In Salzburg prägen in jenem Jahr nicht Prominente aus ganz Europa das Publikum, sondern Soldaten auf Fronturlaub und Arbeiter der Munitionsfabriken. Georg und Joseph hören erstmals die Regensburger Domspatzen singen und erleben in der Stiftskirche Wolfgang Amadeus Mozarts Große Messe in c-Moll. Für die Brüder ist dies der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft für den Komponisten.
67 Jahre später, am vergangenen Samstag, hören Georg und Joseph Ratzinger wieder nebeneinander die Große Messe - diesmal nicht in Salzburg, sondern in der Sixtinischen Kapelle zu Rom. Ihre einst blonden Haarschöpfe sind weiß geworden. Georg, der Musiker, trägt das gewellte Haar im Nacken länger als sein Bruder, der Papst. Beide lauschen, teils mit geschlossenen Augen. Offensichtlich sind sie genauso angerührt wie damals, in jenem fernen Sommer in Salzburg.
Was schenkt man einem Mann zum 85. Geburtstag, der auf ein reiches Leben zurückblickt und versichert: "An sich habe ich keine Wünsche?"
Darüber mussten sich das Bistum Regensburg und die Domspatzen den Kopf zerbrechen. Immerhin war Georg Ratzinger, der Jubilar, 30 Jahre lang Domkapellmeister und damit Leiter des berühmtesten und ältesten Knabenchors der Welt. Er hatte die Domspatzen von 1964 bis 1994 in tausend Konzerten geführt und bis in die USA, nach Korea und Japan begleitet.
Sein Nachfolger Roland Büchner hatte die Idee, ein Festkonzert zu geben und Mozarts Große Messe in c-Moll aufzuführen. Der Ort war bald gefunden: die Sixtina, die päpstliche Hauskapelle
Leidenschaft in c-Moll
In Regensburg gab es dann einige Kritik an den aufwendigen Plänen. Kirchenmittel könnten besser eingesetzt werden, hieß es. Georg Ratzinger betonte daher unlängst, es stimme nicht, dass er sich das Konzert gewünscht habe. Es sei die Idee der Domspatzen gewesen. Die Aufführung in der Sixtina sei für ihn "eine große Freude, obwohl ich persönlich meinen Geburtstag lieber in aller Stille feiern würde". Wie auch immer: Am Samstag sitzen die beiden Brüder auf zwei Sesseln unter dem Deckenfresko, das zeigt, wie Gottvater seinen rechten Zeigefinger ausstreckt, um auf Adam den Odem überspringen zu lassen. Vor ihnen, an der Stirnwand der Kapelle, wirbeln die Geretteten und die Verstoßenen von Michelangelos Jüngstem Gericht durcheinander. Darunter haben sich die 60 Knaben- und 30 Männerstimmen der Domspatzen postiert, sowie das Barockorchester L"Orfeo aus Linz und die Solisten. Gut eine Stunde lang beleben sie nun die Sixtina, während die Bischöfe und anderen Prälaten, römische Prinzessinnen wie die Papst-Vertraute Alessandra Borghese, Politiker wie Gianni Letta, die graue Eminenz der Regierung Berlusconi, und viele Gäste aus Regensburg Mozarts Messe lauschen und Michelangelos Fresken betrachten.
Als die Stimmen des Chors verklungen sind, geht Benedikt XVI. nach vorn und erinnert an jene Aufführung 1941 in Salzburg: "Obwohl ich damals noch ein ziemlich einfältiger Bub war, habe ich begriffen, dass wir mehr als ein Konzert erlebt hatten, dass es gebetete Musik, dass es Gottesdienst war." Die Messe in c-Moll sei kein "leicht dahingeworfenes Werk eines Rokoko-Menschen". Sie offenbare Mozarts "Ringen, seine Suche nach Vergebung, nach der Erlösung Gottes". Tatsächlich entzieht sich diese Messe, die Mozart zum Dank für seine Hochzeit mit Constanze komponiert haben soll, dem Klischee einer strahlend-heiteren Musik des Meisters. Der Regensburger Philosophie-Professor Ulrich Hommes bemerkt, es gehe auch um Menschen, "die um die Brüchigkeit ihres Lebens wissen, um Schuld und Versagen und die sich ihre Erlösungsbedürftigkeit eingestehen".
Benedikt zieht eine Parallele zum Leben des Bruders, in dem "schwierige Steilwände, dunkle Passagen nicht fehlten". Georg aber, sein letzter noch lebender enger Verwandter, habe eine doppelte Berufung zu Musik und Priestertum gefunden. Er habe "der Welt und den Menschen die Freude an Gott durch die Schönheit der Musik und des Gesanges vermittelt." Dann bittet der Papst: "Gott möge Dir, lieber Georg, noch einige gute Jahre schenken."


 

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