/ Presse / Chor / Matthäus-Passion in München
Regensburger Domspatzen mit Matthäus-Passion in München
Paul Winterer, dpa, 9.4.2006
München (dpa/lby) - Mit einem der größten Werke der Kirchenmusik sind die Regensburger Domspatzen eine Woche vor Ostern von der Donau an die Isar gereist. Im ausverkauften Herkulessaal der Münchner Residenz führte der Knabenchor mit über tausendjähriger Tradition am Samstagabend Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion auf.
Domkapellmeister Roland Büchner scharte dazu neben seinen Singknaben und jungen Männerstimmen einige der besten Solisten der Alte-Musik-Szene und mit dem Concerto Köln ein Spitzenensemble der historischen Aufführungspraxis um sich. Die über hundert Mitwirkenden
und Büchners tief religiöse Interpretation des dreistündigen Werks wurden zu Garanten eines am Ende mit Ovationen bedachten Konzerts.
Die von ihrem Domkapellmeister präzise vorbereiteten Domspatzen überzeugten durch homogenen Chorklang, saubere Intonation und eine klare Artikulation. Als Glücksgriff erwies sich der kurzfristig eingesprungene Evangelist Matthew Beale, der die Rolle als Erzähler der Leidensgeschichte Jesu vollendet schön in der Stimme und dramatisch in der Darstellung ausfüllte. Nicht minder dramatisch legte Manfred Bittner die Partie des Christus an. Sein schlank geführter Bass-Bariton gibt der Rolle eine fast jugendhafte Gestalt - unschwer herauszuhören, dass er in Jesus eher den Kämpfer als den Leidenden sieht.
Ganz auf die Strahlkraft ihres beinahe knabenhaft klingenden Soprans setzt Gerlinde Sämann, die betont zurückhaltend kaum über das Mezzopiano hinausging. Gewöhnungsbedürftig ist nach wie vor, die Altpartie in Oratorien einer darauf spezialisierten Männerstimme anzuvertrauen. Jan Kullmann fühlte sich darin zwar sichtlich wohl, sein Altus kam jedoch mitunter etwas schrill daher. Vor einer großen Karriere dürfte der junge Tenor Maximilian Schmitt stehen, der die Arien der Passion mit ebenso lyrischer wie zupackender Stimme vortrug. Beinahe ebenbürtig entledigte sich Christian Maria Schmidt der Baß-Arien und undankbaren Nebenrollen des Oratoriums.
Im Concerto Köln wusste Roland Büchner ein auf historischen Instrumenten bzw. Nachbauten spielendes Orchester an seiner Seite, das auf kleinste Nuancen in der Werkdeutung reagiert. Welch musikalische Reife in diesem Ensemble steckt, wurde deutlich, wenn einzelne Mitglieder solistisch hervortraten. Wie gut aufeinander eingespielt indessen die Musiker sind, zeigte sich darin, dass Büchner sich in mancher Arie getrost neben das Dirigentenpult setzen und die Interpreten selbstständig agieren lassen konnte.
Danach widmete er sich wieder umso mehr dem Chor, den er in den verinnerlicht vorgetragenen Chorälen und den dramatisch artikulierten Doppel-Chören die ganze Bandbreite der Domspatzen-Kultur aufzeigen ließ. Am Ende dankten es die Zuhörer mit minutenlangem Applaus, den der musikalische Leiter Roland Büchner inmitten seines großen Ensembles sichtlich genoss.
